- Redakteurin Mirjam Stein mit ESC-Kandidat Michael Schulte
Er hat rote Haare, einen Hang zu melancholischer Musik und er vertritt Deutschland am 12. Mai beim Eurovision Song Contest (ESC) in Lissabon. Wir haben Michael Schulte vorab getroffen und den sympathischen Rotschopf näher kennengelernt
KIELerleben: Du bist hier im Norden aufgewachsen. Was verbindest du mit Kiel?
Michael Schulte: Kiel ist genauso Heimat für mich wie Flensburg. Ich bin ja an der Schlei aufgewachsen und war dementsprechend oft in Kiel. Und ich habe hier auch Familie. Von daher bin ich gerne hier und auf meinen Tourneen war ich schon oft im Orange Club in der Traumfabrik.
Was ist an dir typisch norddeutsch?
Meine unaufgeregte Natur, aber ich kann auch sehr laut und verrückt werden, wenn ich möchte und wenn ich auftaue. Ich glaube das ist typisch norddeutsch.
Du wurdest mit Coversongs auf YouTube berühmt. Was hat dich dazu bewogen, eigene Songs zu schreiben?
Meine ersten Songs habe ich schon mit zehn Jahren geschrieben. Also sehr früh hatte ich das Bedürfnis mich selbst hinzusetzen und mit der Gitarre zu schreiben.
Wie ging es danach weiter?
Das erste Mal wirklich aktiv in der Öffentlichkeit wurde ich auf YouTube. 2006 habe ich das erste Video hochgeladen und da hatte ich noch nicht im Sinn, dass ich das mal hauptberuflich machen oder auf den großen Bühnen Deutschlands stehen würde. Und sowieso nicht, dass ich mal für Deutschland für den ESC antreten werde.
Welcher Künstler hat dich in deiner Laufbahn am meisten beeinflusst?
Es gibt viele Künstler, die ich sehr gerne höre, wie Bon Iver, Ben Howard, London Grammar, James Black. Also alles sehr ruhig und melancholisch. Aber es gibt nicht so diesen einen Künstler, von dem ich sagen würde, das ist mein großes Idol.
In deinem Song „You let me walk alone“ singst du sehr emotional von deinem Vater. Denkst du Emotionen sind beim ESC entscheidend?
Emotionen sind beim ESC auf jeden Fall ein Schlüssel zum Erfolg. Entweder fällt man durch etwas verrücktes, lautes, buntes auf wie bei den russischen tanzenden Omis wie es vor einigen Jahren war (lacht) oder es ist was ganz kleines intimes und emotionales. Hauptsache man fällt auf und sticht aus dieser großen Masse heraus.
Wie fühlt es sich an, Deutschland beim ESC zu vertreten? Stehst du unter Druck?
Ich verspüre überhaupt keinen Druck und habe auch keine Angst. Es kann ja nur besser werden für Deutschland. Und ich bin durchaus optimistisch und krieg natürlich auch mit, was die internationalen Stimmen sagen. Und die sind auch alle sehr positiv gestimmt meinem Beitrag gegenüber und reden auch darüber, dass sie mich in den Top 10 sehen.
Wie bereitest du dich auf den ESC vor?
Die Vorbereitungen laufen schon seit Dezember. Die Vorbereitungen für den Vorentscheid waren auch schon für einen eventuellen Auftritt beim ESC. Ich bin jetzt super viel unterwegs, fahre von Radiosender zu Radiosender, habe Interviews und TV Shows. Dann gibt es einige ESC Preshows in verschiedenen Ländern, was ganz wichtig ist, um sich schon mal international und in der ESC-Community zu zeigen.
Und wie bereitest du dich persönlich darauf vor?
Um sich darauf persönlich vorzubereiten, ist gar keine Zeit. Ich werde wahrscheinlich erst am Tag des Vorentscheids realisieren, dass es jetzt gleich auf die Bühne vor 200.000 Menschen geht. Es ist aber vielleicht auch ganz gut so, dass man jetzt so viel zu tun hat, um auch abgelenkt zu sein.
Wird dein Auftritt in Lissabon ähnlich sein wie beim Vorentscheid?
Wir wollen die Idee auch für Lissabon weiterführen und auch mit solchen Bildern arbeiten, aber es ist noch nicht ganz sicher, wie es letztendlich aussehen wird. Wir wollen aber schon etwas verändern, weil wir nicht ganz zufrieden waren mit der Inszenierung beim Vorentscheid.
Wie schätzt du deine Chancen beim ESC ein?
Das ist echt schwer einzuschätzen. Es wäre aber ein großer Wunsch es in die Top 10 zu schaffen. Ich werde alles geben und am 12. Mai sind wir dann schlauer. Ich hätte nichts dagegen den ESC zu gewinnen. Ich bin ehrgeizig und hätte da total Lust drauf. Ganz Deutschland wird sich auch freuen, wenn der ESC 2019 wieder in Deutschland wäre.
Wie schlimm wäre es für dich den ESC zu verlieren?
Selbst wenn ich letzter werden sollte, finde ich das nicht schlimm. Das, was alles schon durch den Vorentscheid passiert, ist toll. Diese ganze Aufmerksamkeit und dass so viele Leute jetzt meine Musik hören. Das ist schon ein so großer Gewinn für mich, dass ich, selbst wenn ich letzter werde, keine negativen Gefühle bekommen würde.
Wie soll es nach dem ESC für dich weitergehen?
Ab Herbst geht eine Tour in den Vorverkauf. Wir wollen eine Basis aufbauen, damit ich mich langfristig etablieren kann und die Aufmerksamkeit nicht schlagartig weg ist. Das kann man jetzt natürlich alles vorbereiten, damit ich auch in zehn Jahren ausverkaufte Tourneen habe.
Weißt du schon wie du feiern wirst, wenn du am 12. Mai gewinnst?
Ich habe keine Ahnung, aber ich weiß, dass ich, wenn ich gewinne, gar keine Zeit haben werde zu feiern. Wahrscheinlich würde ich versuchen, danach ein paar Tage in den Urlaub zu fliegen, um das alles selbst mal zu realisieren. Aber das sind ja alles Zukunftsgedanken (lacht).